Slam 2006 in München oder wie viel Slam braucht der Mensch

Es ist vorbei! Ich stehe auf der Maximilian Strasse neben Gucci Läden und suche mit anderen verzweifelt ein Mineralwasser. Die Kammerspiele weigern sich beharrlich Gewinn mit den Besuchern des Slam 2006 machen zu wollen. Es gab auch schon zu wenig Bier vor der Veranstaltung. Das Bier war nach einer halben Stunde ausgetrunken. Neben mir wird schon der Abend diskutiert. Jeder hat seine Meinung und es gibt genau zwei. Keiner ist bereit auch nur einen Fingerbreit zuzugeben, dass der andere Recht hat. Die Jury ist Schuld, die Reihenfolge, das Publikum für den Einen. Für den Anderen ist alles so gelaufen, wie es sein sollte. So ist Slam, so ist es immer gewesen und deshalb liebe ich es.

Ich habe eigentlich nicht mehr daran geglaubt, dass dieser Slam 2006 mich noch kriegen würde. Schon beim Lesen des Ablaufplans dachte ich, wer will das alles sehen? Dieses ganze Rahmenprogramm in der Schrannenhalle in München gleich neben dem Viktualienmarkt. Eine Mischung aus Hanseviertel und Alstervergnügen. Mit Fressständen und Tandläden. Immerhin überdacht. Zwischen verwirrten japanischen Touristen, bayrischer Schickeria mit Paillettenhemden auf dem Weg zum ersten Prosecco des Tages und komplett ausgestatteten Bayern-Fans und neben Duftkerzen und Laubsägearbeiten gibt es Polit-Slam, Mundart-Slam, Cover-Slam, Erotik-Slam … dazu 12 Einzelvorrunden, drei Einzel-Halbfinale, drei Teamvorrunden und ein Team-Finale und ein Einzelfinale. Niemand kann das überleben! Am Ende denkt man, vielleicht sollte man das mit dem Slam so machen wie bei den Olympischen Spielen oder bei der Fußballweltmeisterschaft, die finden alle vier Jahre statt und alle sind froh drüber. Ich war erschöpft und durstig.

Es sind gerade einmal drei Minuten vergangen, seitdem wir aus dem Theater heraustraten. Das ist weniger als Marc-Uwe Kling für seinen Text „Ich hol mir einen Praktikanten“ gebraucht hat. Es war der Siegertext und ich gebe zu, dass ich nicht mehr an ihn geglaubt habe. Felix Römer hatte vorher einen Text gelesen, der den Saal verstummen und dann am Ende aufstehen ließ. Der Saal stand und klatschte Beifall für einen Text, der unglaublich war. Unglaublich, weil es der einzige wirklich ernste Text im Finale war, unglaublich, weil ich diese literarische Qualität nicht erwartet hatte und unglaublich, weil mir das erste Mal bei einem Slam Schauer den Rücken herunterliefen. Es war für mich eine Auferstehung des Slam-Gedankens, da sich endlich einmal jemand traute, im Finale, neben den ganzen lustigen Geschichten und Gedichten, einen ernstzunehmenden Text vorzutragen. Dieser Text um das Leben eines Großvaters, der lernt zu schreiben und zu lesen und zu schießen und der in den Krieg geht und vergießt wie ein Kind riecht und der zurückkommt und seine Tochter aufwachsen sieht und am Ende lernen muss zu sterben, das war für mich persönlich, weit vor allen anderen, der Siegertext. Als alle standen und Beifall klatschten und die erste Zehn des Abends gezogen wurde, da dachte ich, dass ich nicht in der Haut von Marc-Uwe Kling stecken möchte, eigentlich kann er jetzt nach Hause gehen und dem Sieger gratulieren. Genau das tat er nicht, er machte da weiter, wo er in der ersten Runde aufgehört hatte. Es folgte eine lautstarke Anklage an das moderne Sklaventum. An alle Werbe- und Medienagenturen und sonstige Firmen, die sich an den Praktikanten bereichern. Es war gut, aber ich hoffte, die Jury würde verstehen, wie wichtig es für den Slam insgesamt wäre, dass Felix Römer mit einem ernsten Text den Slam 2006 gewinnen würde. Am Ende gewann dann doch wie immer der Schreihals, zugegeben ein wirklich guter, aber das gehört eben auch zum Slam, weil es sonst die Diskussionen drei Minuten nach dem Ende des Finales wohl nicht geben würde. Am Ende gewinnt eben nicht der beste Text, sondern ein anderer. Irgendwie war ich vielleicht gerade deshalb trotzdem glücklich und weil endlich mal wieder allen klar wurde, wie wunderbar ernste Texte funktionieren und dass sie wichtig sind auch oder gerade beim Slam. Ich verbeuge mich vor Felix Römer, auch wenn ich seinen ersten lustigen Text gehasst habe.

Infos: Slam 2006 und das Interview mit dem Sieger

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Neuigkeiten

Eine Antwort zu “Slam 2006 in München oder wie viel Slam braucht der Mensch

  1. stevanpaul

    Scheint also so, als müsse man mal wieder alles selber machen, nächstes Jahr. OK. Ich besorge Mineralwasser!

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