Gunter Gerlach – Von brennenden Samtvorhängen, Allergikern und der wahrscheinlich schnellsten Lesereihe der Welt

 

 

 

Die Stimme ist verstummt. Ruhe in den Saal irgendwo in Hamburg eingekehrt. Die Zuhörer schauen auf den Autor, der am Tisch sitzt und gleich weiter lesen wird mit einer Stimme, die so klingt wie die Erzähler von den Nils Holgersson, Momo oder Michel – Schallplatten unserer Kindheit. So klingt Gunter Gerlach. Jetzt gerade ist seine Stimme allerdings nicht zu hören. Er muss erst mal selbst lesen, was er da geschrieben hat. Er wundert sich. Kneift kurz die Augen zusammen, dann fängt er an zu lachen, bevor er weiter liest. Es ist unmöglich, seine Geschichten von diesen traurigen und gescheiterten Helden, die aber nie den Mut verlieren, nicht zu mögen und es ist ebenso unmöglich, nicht zu lachen, wenn er lacht. 

 

 

Elektromechaniker oder Werbetexter?

Elektromechaniker sollte Gunter Gerlach werden, Fotograf, Maler, Grafiker wollte er werden. Texter und Autor ist er geworden. „Es ist ja überhaupt kein Ziel zu erkennen“, sagte damals ein Vertreter der Hochschule für bildende Künste, an der Gerlach Fotografie studierte. „Soll ich davon jetzt auch noch erzählen?“, fragt Gunter Gerlach und spricht gleich weiter. Gerlach hat viel mitzuteilen, nicht nur in seinen Büchern. 

Mit den Fotos fing es an, die haben Gunter Gerlach an die Hochschule für bildende Künste gebracht, oder eigentlich begann es mit den Geschichten, die Gunter Gerlach zu den Fotos schrieb. Beim Bewerbungsgespräch in der Werbeagentur mit der Mappe voller Grafiken fielen die Texte auf und Gunter Gerlach wurde Werbetexter, nicht Grafiker. Zehn Jahre Werbeagentur dann Frustration, Langeweile und das erste Hörspiel entstand innerhalb von zwei Monaten, das der Südwestfunk sofort kaufte und sendete. Dann der erste Roman, während des Studiums angefangen und zehn Jahre später beendet. „Den konnte ich nur schreiben, weil jedes Kapitel eine Kurzgeschichte sein sollte. Die ließen sich an jeweils einem Abend aufschreiben.“ 100 Verlage schrieb Gunter Gerlach an. Ein Verleger rief an und war völlig begeistert. Wegen der großen Begeisterung kam der Roman („Das Katzenkreuz“, Eco Verlag, Zürich) in einem Kleinstverlag in der Schweiz heraus. „Das Gefühl, das erste Buch in der Hand zu haben, ist unglaublich. Dir liegt die Welt zu Füßen auch, wenn du weißt, das es bei einem Kleinverlag mit 700 Auflage erschienen ist.“ Damit die Bücher verkauft werden konnten, widmete Gunter Gerlach das Buch 300 Freunden und verschickte 300 Postkarten. Das Buch ist heute vergriffen.

 

 

 

P.E.N.G.

Gerlachs zweites Buch „Tazzans Tod“ (Greno Verlag) sollte eigentlich „Tarzans Tod“ heißen, da der Name Tarzan aber geschützt ist, wurde daraus Tazzan. Das Anschreiben an die Verlage verfasste Gunter Gerlach in einer Kunstsprache, die nur er verstand. Erneut hatte er Schwierigkeiten sein Buch zu verkaufen und er begann nach anderen Autoren zu suchen. „Alleine wird man nichts, dass habe ich damals erkannt.“ Gerlach fand Lou A. Probstayn, Reimer Eilers, Nicolas Nowack und andere Autoren im Umkreis des Kunstvereins Geheim im Karoviertel in Hamburg. Der Verein wurde 1985 mit dem Ziel gegründet, im unterprivilegierten Karoviertel, damals gab es hier noch Barrikadenkämpfe mit der Polizei, ein kulturelles Zentrum zu schaffen. Damals waren,  wegen der geringen Mieten, viele Künstler der Avantgarde in das Viertel gezogen. So entstand PENG (Probstayn, Eilers, Nowack, Gerlach). Zuerst las PENG in Galerien zur Eröffnung von Kunstausstellungen. Dann entwickelten sie ein Konzept für Lesungen im öffentlichen Raum. „Damit waren wir die Ersten“, sagt Gerlach. Sie gingen an Orte, wo sich viele Menschen befanden, beispielsweise an die Alster. Auf den untersten Ästen der Bäume sitzend lasen sie den Spaziergängern vor. Provozierten Reaktionen wie „Holt die Affen aus den Bäumen“ und schafften Öffentlichkeit, die sie dann auch bei einem ihrer nächsten Projekte, einer Lesung in einer Peepshow, im Überfluss bekamen. „Es war voll, aber etwa 90 Prozent der Leute waren Journalisten.“ Eine Mark musste man in den Schlitz stecken, damit der Vorhang in der Kabine aufging und man einen Blick auf den Autor, der auf der Drehscheibe saß und las, werfen konnte. Die Stimme wurde in den Vorraum übertragen. Dort standen die Journalisten und eine Kamera der lokalen Fernsehanstalt mit Scheinwerfer neben einem Samtvorhang. Ein ungünstiger Platz. Im Laufe der Lesung fing der Vorhang im Scheinwerferlicht Feuer und erzeugte noch mehr Öffentlichkeit. 

 

Neben der Zusammenarbeit bei Lesungen war das Entscheidende die Anerkennung unter den Autoren. „Es wurde nicht vernichtend kritisiert und Erfolg nicht geneidet“, betont Gerlach. Stattdessen arbeitete man zusammen an Projekten, wie gemeinsamen Romanen, Hörspielen und Dogmen. Zusammen mit weiteren Hamburger Autoren stellte Gerlach 1999 die acht Regeln des Hamburger Dogmas auf. Ähnlich dem Dogma 99 der dänischen Filmemacher um Lars von Trier und Thomas Vinterberg sollten sie eine neue Erzählstruktur und Sprache von Texten hervorbringen. Dieses Experiment sorgte damals für viel Diskussionsstoff. Gerlach beschreibt es als zugespitzten Konsens der Literaturszene und Bindeglied zwischen Popliteratur und der Postpopliteratur. „Wichtig war, das wir es aufgeschrieben haben.“ 

 

Mittlerweile hat Gunter Gerlach eine neue Lesereihe auf die Beine gestellt. Das Ziel: Alle Hamburger Autoren vor das Mikrofon bekommen. Das Konzept: Ein Autor liest 17 Minuten ohne Eintritt. Das Ergebnis: Die wahrscheinlich schnellste Lesung der Welt. Jeden Mittwoch im 439 (Vereinsstrasse 38) laden Gunter Gerlach und Lou A. Probsthayn zum Literatur-Quickie ein.

 

 

„Meldodie der Bronchien“

Gerlach neuestes Buch „Melodie der Bronchien“ erschien im August 2007 im Rotbuch Verlag, ist aber bewusst nicht nach den Regeln des Hamburger Dogmas geschrieben. 

 

„Er hustet sich die Seele aus dem Leib, kratzt sich die Haut blutig und jagt mit Atemnot Verbrecher. Bartzsch, der Amateurdetektiv aus der „Allergie-Trilogie“ ist zurück und mit ihm das schräge Personal seiner Krimis. In „Melodie der Bronchien“ sind endlich die vor und nach der Trilogie andernorts erschienen Erzählungen zusammengefasst.” 

 

Immer wieder trifft man in Gerlachs Büchern auf skurrile Personen wie Bartzsch, den Amateuerdetektiv, der für alles eine Allergie erzeugen kann. „Ich kenne all diese Menschen.“, sagt Gerlach, „Man muss sie nur ein Stück zur Seite schieben, dann wird es schräg.“ 

 

In seiner Schublade hat Gunter Gerlach noch weitere Manuskripte. Gerlach hat für sich erkannt: „Wenn du nicht regelmäßig publizierst, bist du kein Autor.“ Seitdem produziert er pro Jahr ein Buch. In den letzten Jahren waren darunter viele Krimis. Festlegen auf ein Genre kann und will er sich aber nicht. „Ich will unbedingt noch einen Abenteuerroman schreiben. Immer wieder dasselbe Buch zu veröffentlichen ist doch schrecklich.“ 

 

Sein neues Buch stellt Gunter Gerlach am 30.03.2008 bei KAFFEE.SATZ.LESEN 48 in der Baderanstalt vor.  


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